Statement

Eskalation im Nahen Osten: Steigende Transportkosten verringern Mittel für lebensrettende Hilfsgüter

Statement von Jean-Cédric Meeus, UNICEF-Leiter für globale Lieferketten und Logistik, bei der heutigen Pressekonferenz im Palais des Nations in Genf 

„Rund 100 Tage nach Beginn der jüngsten Eskalation im Nahen Osten sind die Folgen weit über die Region hinaus spürbar. Unterbrechungen in den globalen humanitären Lieferketten beeinträchtigen die Versorgung von Kindern weltweit: Engpässe auf wichtigen Versorgungsrouten halten an, zugleich steigen die Transportkosten.

Steigende Transportkosten bedeuten, dass weniger Geld für lebensrettende Hilfsgüter zur Verfügung steht, die Kinder dringend benötigen. Dadurch wird der Handlungsspielraum von Organisationen wie UNICEF zunehmend eingeschränkt.

Was mit Unterbrechungen auf den Schifffahrtsrouten begonnen hat, könnte sich schnell zu einer humanitären Krise ausweiten. Für UNICEF bedeuten anhaltende Verzögerungen und steigende operative Kosten – insbesondere vor dem Hintergrund einer globalen Finanzierungskrise – schon jetzt kaum tragbare Entscheidungen darüber, welche Kinder zuerst erreicht werden können.

Bereits die Transport- und Logistikkosten wirken sich erheblich aus. Umleitungen von Seetransporten rund um das Kap der Guten Hoffnung verlängern Lieferzeiten inzwischen um zwei bis vier Wochen. Gleichzeitig bleiben die Luftfrachtkapazitäten im Nahen Osten begrenzt, während sich Hafenüberlastungen in Afrika und darüber hinaus ausweiten. Die Folge ist klar: Jeder zusätzliche Dollar für Transport geht zulasten der Hilfsgüter für Kinder.

Die Luftfrachtkosten für Impfstoffe von Indien nach Äthiopien, Nigeria und in die Demokratische Republik Kongo sind bereits um 50 bis 70 Prozent gestiegen. Die Transportkosten für Spezialnahrung (RUTF) für mangelernährte Kinder von Herstellern in Kenia nach Somalia, Südsudan und in die Demokratische Republik Kongo erhöhten sich um 30 Prozent. Die Seefrachtkosten für Bildungsmaterialien von China in den Jemen und nach Mosambik nahmen sogar um 100 bis 150 Prozent zu.

In Nigeria führte die Umleitung von Spritzen für eine Polio-Impfkampagne für 12 Millionen Kinder zu zusätzlichen Kosten von 200.000 US-Dollar – die Transportkosten stiegen dadurch um 56 Prozent.

In Mali stiegen die Ausgaben für den internationalen Transport von Hilfsgütern im ersten Quartal um 36 Prozent. Das UNICEF-Länderbüro steht damit vor einer schwierigen Entscheidung: Entweder muss es weniger RUTF-Kartons bestellen und kann dadurch weniger mangelernährte Kinder behandeln, oder es muss die unerwarteten Transportkosten zulasten anderer wichtiger Programme in Mali tragen – darunter Maßnahmen in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Wasser und Kinderschutz.

In Afghanistan führen aufeinanderfolgende Streckensperrungen dazu, dass Ernährungshilfen über Georgien und das Kaspische Meer transportiert werden müssen. Dadurch verlängern sich die Lieferzeiten um etwa zwei Monate.

In den afrikanischen Häfen Beira, Conakry, Abidjan, Dar es Salaam und Mombasa kommt es zu erheblichen Verzögerungen. Binnenländer, die auf diese Transportkorridore angewiesen sind, spüren die Folgen dieser Unterbrechungen. Auch der Korridor über Dschibuti nach Äthiopien – das wichtigste humanitäre Eingangstor des Landes – steht zunehmend unter Druck. Die unmittelbaren Folgen all dieser Entwicklungen tragen Millionen Kinder.

Hinzu kommt, dass die jährlichen Transportbeiträge unserer Logistikpartner für UNICEF nahezu ausgeschöpft sind – eine beispiellose Lage. Insgesamt rechnen wir damit, dass dies die Lieferung wichtiger Hilfsgüter um bis zu vier bis sechs Monate verzögern könnte. Für ein Kind in einem Krisengebiet kann das verspätete Eintreffen von Impfstoffen oder Ernährungshilfen über Leben und Tod entscheiden.

Trotz aller Herausforderungen stellt UNICEF die Lieferung lebenswichtiger Hilfsgüter weiterhin sicher. Dafür aktivieren wir alternative Luft-, Land- und Seewege, ziehen Beschaffungen vor und diversifizieren unsere Lieferantenbasis. Unser globales Netzwerk mit Drehkreuzen in Kopenhagen und Dubai sowie mehr als 300 Logistikzentren weltweit setzen wir strategisch ein. Zudem lokalisieren wir die Produktion: UNICEF arbeitet inzwischen weltweit mit mehr als 20 Herstellern therapeutischer Spezialnahrung zusammen, unter anderem in Äthiopien, Kenia, Haiti und Ägypten. So verringern wir die Abhängigkeit von langen internationalen Transportwegen.

Darüber hinaus stärken die Beschaffungsstrategien von UNICEF die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten, erhöhen die Versorgungssicherheit und tragen zur Preisstabilität bei. So sinkt das Risiko von Engpässen und Preissteigerungen.

Gemeinsam mit dem Welternährungsprogramm und anderen UN-Partnern haben wir von großen Transportunternehmen Zusagen erhalten, Zuschläge auf humanitäre Lieferungen vorübergehend auszusetzen. Dadurch konnten über alle UN-Operationen hinweg schätzungsweise zwei Millionen US-Dollar eingespart werden. Zugleich muss klar sein: Auch die Möglichkeiten humanitärer Organisationen, solche Belastungen aufzufangen, sind begrenzt.

Wenn Lieferketten unterbrochen werden, zahlen Kinder zuerst den Preis. Trotz all dieser Herausforderungen setzen UNICEF und seine Partner ihre Arbeit fort. Wir werden alles daransetzen, dass diese Entwicklungen das Leben und Wohlergehen von Kindern nicht gefährden.“

Über UNICEF: Hilfe für Kinder seit 80 Jahren

Das UN-Kinderhilfswerk wurde vor 80 Jahren am 11. Dezember 1946 ins Leben gerufen, um Kindern im vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Europa zu helfen. Heute setzt sich UNICEF weltweit in über 190 Ländern für die Umsetzung der Rechte aller Kinder ein. Von der schnellen Nothilfe bis zu langfristigen Programmen hilft UNICEF, dass Mädchen und Jungen überall auf der Welt gesund und geschützt groß werden und ihre Fähigkeiten voll entfalten können.

Das Deutsche Komitee für UNICEF mit Sitz in Köln wurde 1953 als Verein gegründet und ist heute eine der wichtigsten Stützen der weltweiten UNICEF-Arbeit. In ganz Deutschland sind rund 7.000 ehrenamtliche Erwachsene und Jugendliche für UNICEF aktiv. Mit Programmen und politischer Arbeit trägt UNICEF Deutschland auch hierzulande zu einem besseren Verständnis der Rechte und der Belange von Kindern bei. Weitere Informationen: www.unicef.de.

Christine Kahmann
Sprecherin (Berlin) - Nothilfe & Internationale Themen