
Alle Fragen und Antworten zum Thema Polio
Polio gilt weltweit als nahezu ausgerottet, aber noch immer erkranken Kinder an der Krankheit. In diesem Blog beantworten wir die wichtigsten Fragen zu Poliomyelitis, auch bekannt als Kinderlähmung. Erfahren Sie, wo Polio heute noch auftritt, welche Folgen die Erkrankung für Kinder hat und was UNICEF im Kampf gegen Polio unternimmt.
von Stefanie Hack
Das Wichtigste in Kürze
- Poliomyelitis (kurz Polio), ist eine virale Infektionskrankheit, die schwere Behinderungen verursachen oder sogar tödlich enden kann. Für Kinder ist Polio besonders gefährlich.
- In vielen Ländern gilt Polio als ausgerottet, in Afghanistan und Pakistan kommt es jedoch noch regelmäßig zu Ansteckungen. Auch in Krisengebieten kann Polio durch schlechte hygienische Bedingungen wieder auftreten.
- UNICEF setzt sich gemeinsam mit Partnern dafür ein, dass alle Kinder weltweit gegen Polio geimpft werden, denn die Impfung ist der einzige zuverlässige Schutz.
Was ist Polio (Kinderlähmung)?
Poliomyelitis (kurz Polio) ist eine akute Infektionskrankheit, die vom Polio-Virus ausgelöst wird. Das Virus kann das zentrale Nervensystem angreifen und bei Erkrankten zu schweren Behinderungen oder im schlimmsten Fall zum Tod führen. Früher, als Polio noch stärker verbreitet war, haben sich insbesondere kleine Kinder mit dem Erreger angesteckt. Da sie oft bleibende Lähmungen davongetragen haben, wurde Polio umgangssprachlich auch als „Kinderlähmung“ bekannt.
Gibt es Kinderlähmung heute noch?
Der Gazastreifen galt 25 Jahre lang als poliofrei. Dann brach der Krieg aus – mit katastrophalen Folgen für Kinder und ihre Familien. Hunderttausende Menschen mussten fliehen und suchten Zuflucht in überfüllten Notunterkünften. Dort fehlt es an sanitären Anlagen und medizinischer Versorgung. Unter solchen Bedingungen ist die Gefahr von Krankheitsausbrüchen groß. Gleichzeitig war die Impfquote infolge des Krieges stark zurückgegangen.
Im Sommer 2024 trat in Gaza erstmals wieder ein Fall von Polio bei einem Kleinkind auf. UNICEF reagierte gemeinsam mit seinen Partnern umgehend: Inmitten des Krieges und trotz anhaltender Gewalt und zerstörter Infrastruktur wurden fast 600.000 Kinder im Gazastreifen gegen Polio geimpft.
UNICEF unterstützte die Lieferung der Impfdosen und stellte Kühlboxen bereit. Mobile Gesundheitsteams impften Kinder überall im Gazastreifen. Die Polio-Impfkampagne war eine der weltweit gefährlichsten und schwierigsten Impfkampagnen.
Der Trailer zur Dokumentation „Gaza’s Silent Threat“ zeigt eindrücklich, wie UNICEF gemeinsam mit Partnern gegen die Ausbreitung von Polio im Gazastreifen kämpft. Hier können Sie den Film über die Impfkampagne in ganzer Länge sehen.
Wie wird Polio übertragen?
Übertragen werden Polioviren durch Schmierinfektion. Sie können aber auch durch die Atemluft oder über durch Fäkalien verunreinigtes Wasser übertragen werden. Die Gefahr einer Übertragung ist besonders unter schlechten hygienischen Bedingungen hoch.
Polioviren, die zu den Enteroviren gehören, können bei ungeimpften Personen zu einer paralytischen Form der Erkrankung führen, die Muskelschwäche und dauerhafte Lähmungen verursacht. Eine regelmäßige Auffrischung der Polio-Impfung ist entscheidend, um die Immunität aufrechtzuerhalten und das Wiederauftreten von Poliofällen zu verhindern.
Welche Symptome gibt es bei Polio?
Bei vielen Menschen verläuft eine Ansteckung mit Polio beinahe symptomfrei oder mit nur leichten Krankheitssymptomen wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit oder Erbrechen.
Wenn die Polioviren das zentrale Nervensystem angreifen, kann es zu einer paralytischen Form der Erkrankung kommen – also zu bleibenden Lähmungen. Das ist bei etwa einer von 200 Infektionen der Fall. Meist treten die Lähmungen zuerst in den Beinen auf und können sich auf die Arme und die Atemmuskulatur ausbreiten. Wenn die Atemmuskulatur betroffen ist, ist es den Erkrankten nicht mehr möglich, selbständig zu atmen. In solchen Fällen kann Polio tödlich verlaufen.

Sozialarbeiter Zawadi Kasereka aus der Demokratischen Republik Kongo bei einer Impfkampagne in der Provinz Nord-Kivu. Als Kind ist er an Polio erkrankt und hat eine Lähmung davongetragen. Nun setzt er sich dafür ein, dass alle Kinder eine Impfung bekommen. "Als jemand, der an Polio erkrankt war, verstehe ich die Schmerzen und Einschränkungen, die diese Krankheit verursacht. Durch Impfungen können wir verhindern, dass andere Kinder dasselbe durchmachen müssen."
© UNICEF/UNI867557/UshindiIst Polio heilbar?
Polio ist nicht heilbar. Es gibt jedoch effektive Impfungen, die vor einer Infektion schützen. Diese Impfungen sind entscheidend, um die Verbreitung des Virus zu verhindern, wenn die Krankheit einmal ausgebrochen ist. Auffrischungsimpfungen sind ebenfalls wichtig, um den Schutz gegen Polio aufrechtzuerhalten.
Wie gefährlich ist Polio für Kinder?
Für ungeimpfte Kinder ist eine Polio-Erkrankung besonders gefährlich, weil ihr Immunsystem noch nicht vollständig ausgebildet ist. Das Risiko eines schweren, paralytischen Verlaufs ist für Kinder daher höher. Dazu kommt, dass das Polio-Virus häufig in Gegenden auftritt, in denen Kinder mangelernährt sind und keine ausreichende medizinische Versorgung haben. Diese Kinder sind ohnehin schon geschwächt und haben dem gefährlichen Virus kaum etwas entgegenzusetzen.
In welchem Alter bekommt man Polio?
Menschen können sich in jedem Alter mit dem Polio-Virus anstecken. Für Kinder bis fünf Jahre ist das Risiko einer Erkrankung aber besonders hoch, da ihr Immunsystem noch nicht so zuverlässig funktioniert wie bei älteren Kindern und Erwachsenen.
Ist Polio für Erwachsene gefährlich?
Zwar sind Kinder besonders gefährdet, aber auch Erwachsene können sich mit dem Virus anstecken, wenn sie keinen ausreichenden Impfschutz haben. Wie bei Kindern kann die Krankheit auch bei Erwachsenen zu Lähmungen führen, denn es gibt keine Medikamente für die Behandlung.
Verbreitung von Polio: Ist Kinderlähmung ausgerottet?
Die gute Nachricht ist: Die gefährliche Kinderlähmung ist fast ausgerottet – Impfungen sei Dank. Seit 1988 ist die Zahl der von Polio betroffenen Kinder um 99,9 Prozent zurückgegangen. Viele Länder gelten dank einer hohen Grundimmunisierung und Auffrischungsimpfungen als poliofrei.
Zwei der drei wilden Poliovirus-Stämme konnten erfolgreich ausgerottet werden. Typ 2 wurde 2015 als ausgerottet zertifiziert, und im Oktober 2019 wurde auch die Ausrottung des wilden Poliotyps 3 bestätigt. Typ 1 der wilden Poliovariante tritt nur noch in Afghanistan und Pakistan regelmäßig auf. Polio ist also noch nicht vollständig ausgerottet – aber wir stehen kurz davor, die Krankheit endgültig zu besiegen.
In welchen Ländern gibt es noch Kinderlähmung?
Pakistan und Afghanistan sind die letzten beiden Länder der Welt, in denen die Krankheit endemisch ist – das heißt, dass sie dort fortwährend auftritt.
Aber auch in Ländern auf dem afrikanischen und asiatischen Kontinent erkranken Kinder weiterhin an Polio. Die Mehrheit dieser Kinder lebt in den ärmsten und abgelegensten Gemeinden mit begrenztem Zugang zu lebensrettenden Impfungen und Gesundheitsdiensten.

Bild 1 von 3 | In Afghanistan bekommt die fünfjährige Ayesha eine orale Polioimpfung.
© UNICEF/UNI823687/Azizi
Bild 2 von 3 | Zwei Gesundheitshelferinnen gehen im Sudan von Haus zu Haus, um Kinder gegen Polio zu impfen. Frauen spielen eine zentrale Rolle bei Impfkampagnen, weil sie oft am besten in der Lage sind, andere Frauen und Kinder zu erreichen.
© UNICEF/UNI880824/Khalil
Bild 3 von 3 | In Mali zeigt der vier Jahre alte Oumar seinen kleinen Finger, der als Nachweis für die Polio-Impfung farbig markiert worden ist. Seit das Poliovirus im Jahr 2023 erstmals wieder im Land nachgewiesen wurde, arbeiten die Impfteams mit ganzer Energie daran, dass auch Kinder in den abgelegensten Regionen von Mali die Schluckimpfung gegen Polio bekommen.
© UNICEF/UN0907016/Keïta
Trotz der immensen Fortschritte bei der weltweiten Ausrottung der Kinderlähmung erhalten Millionen Kinder noch immer keine Impfung. Das liegt vielerorts am eingeschränkten Zugang zu Gesundheitsdiensten. Aber auch Konflikte, Klimakatastrophen oder Ereignisse wie die Coronapandemie können zu Verzögerungen oder Unterbrechungen von Impfkampagnen führen. So haben im Corona-Jahr 2021 weltweit 6,7 Millionen mehr Kinder die dritte Impfdosis gegen Polio verpasst als im Jahr 2019.
Gibt es noch Kinderlähmung in Deutschland?
Deutschland ist seit den 1990er-Jahren frei von Polio. 1992 wurden die letzten beiden importierten Fälle registriert. Da die Krankheit bis zur Einführung der Polio-Impfung in den 1960er-Jahren aber weit verbreitet war, gibt es auch heute noch polioinfizierte Menschen in Deutschland, die unter den Spätfolgen ihrer Virus-Erkrankung leiden.
Was ist die Polio-Impfung?
Die Polio-Impfung schützt vor der Erkrankung an Poliomyelitis durch Immunisierung. Der erste Impfstoff gegen Polio wurde bereits im Jahr 1955 entwickelt. Aber erst mit der Polio-Schluckimpfung im Jahr 1960 wurde es möglich, Kinder unkompliziert und in großer Zahl gegen die Infektionskrankheit zu impfen. Heute gibt es zwei Impfstoffe, die gegen Polio eingesetzt werden.
Welche Impfstoffe gibt es gegen Polio?
Es gibt zwei Haupttypen von Polioimpfstoffen: den oralen Lebendimpfstoff (Schluckimpfung) und den inaktivierten Impfstoff (Totimpfstoff). Beide Impfungen sind wirksam und sicher und werden weltweit in unterschiedlichen Kombinationen eingesetzt, je nach den örtlichen epidemiologischen und programmatischen Gegebenheiten.
- Schluckimpfung: Die Schluckimpfung ist ein Lebendimpfstoff, der lebende, aber abgeschwächte Polioviren enthält. Sie sind noch vermehrungsfähig und werden mit dem Stuhl ausgeschieden. Ungeimpfte Kontaktpersonen können sich daran infizieren und bilden im Normalfall selbst Antikörper gegen das Virus. Die orale Polioimpfung ist kostengünstig und einfach zu verabreichen, und dabei sehr wirksam. Nur wenige Tropfen des Impfstoffs, verabreicht über mehrere Dosen, immunisieren ein Kind gegen Polio.
- Totimpfung: Beim inaktivierten Impfstoff werden inaktivierte („tote“) Polioviren in Form einer Spritze verabreicht. In Deutschland werden Kinder auf diese Weise schon als Säuglinge gegen Kinderlähmung geimpft. Sie erhalten den Impfstoff erstmals im Alter von acht Wochen, die zweite und dritte Dosis ebenfalls noch im ersten Lebensjahr. Nach diesen drei Impfdosen haben sie eine vollständige Grundimmunisierung.

Die vierjährige Vania aus Afghanistan zeigt stolz ihren Finger. Der ist markiert – das heißt, dass sie ihre Polioimpfung bekommen hat.
© UNICEF/UNI785261/KhayyamWie oft muss man gegen Polio geimpft werden?
Sowohl bei der Schluckimpfung als auch bei der Impfung mit inaktiviertem Impfstoff sind insgesamt drei Impfdosen für die Grundimmunisierung nötig. Mit beiden Impfstoffen werden bereits Babys und Kleinkinder geimpft.
Kinder, die eine Polio-Schluckimpfung erhalten, bekommen die ersten beiden Dosen meist im ersten Lebensjahr, die dritte innerhalb des zweiten Lebensjahres. Kinder, die den Polio-Totimpfstoff bekommen, erhalten in der Regel alle drei Impfdosen im ersten Lebensjahr. Im Vorschulalter und als Jugendliche benötigen sie Auffrischungsimpfungen. Der Impfschutz durch die Polio-Impfung hält danach etwa zehn Jahre an.
Was ist die sogenannte "Impfpoliomyelitis"?
In seltenen Fällen und unter sehr speziellen Bedingungen kann eine Polio-Infektion durch die orale Polioimpfung selbst ausgelöst werden. Wenn zu wenige Menschen innerhalb einer Gemeinschaft einen Impfschutz haben und wenn sie darüber hinaus in schlechten hygienischen Verhältnissen leben, kann es passieren, dass sich Kontaktpersonen von geimpften Menschen an den abgeschwächten Polioviren infizieren, die über den Stuhl ausgeschieden werden. Wenn sie keine Antikörper bilden, kann das Virus mutieren und damit neue Polioinfektionen auslösen. Nicht der orale Polioimpfstoff ist also das Problem, sondern die zu geringe Impfquote in einer Region.
Wie wird Kinderlähmung (Poliomyelitis) behandelt?
Bislang gibt es kein Medikament zur Behandlung von Polio. Kinderlähmung ist nicht heilbar und kann nur durch eine Impfung vorgebeugt werden. Deshalb ist es so wichtig, jedes Kind in jedem Land der Welt mit dem Polioimpfstoff vor der gefährlichen Krankheit zu schützen.
Spenden und Kinder weltweit vor Polio schützen
Was tut UNICEF gegen Kinderlähmung?
UNICEF ist einer von sechs weltweiten Partnern der Globalen Initiative zur Ausrottung der Kinderlähmung (Global Polio Eradication Initiative, GPEI). Die GPEI wurde 1988 mit dem Ziel gegründet, jedes Kind in jedem Land mit dem Polio-Impfstoff zu schützen und ist die weltweit größte Initiative im Bereich der öffentlichen Gesundheit.
UNICEF setzt sich gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Rotary International, den U.S. Centers for Disease Control and Prevention (CDC), der Gates Foundation und der Impfallianz GAVI dafür ein, dass alle Kinder weltweit die nötigen Impfungen gegen Polio erhalten.
Wie genau hilft UNICEF, Polio weltweit zu bekämpfen?
UNICEF organisiert die Beschaffung und Verteilung von über einer Milliarde Dosen von Polio-Impfstoffen jährlich und beschafft Gefriertruhen, Kühlräume, Kühlschränke, Kühlboxen oder Temperaturüberwachungsgeräte, sodass Impfstoffe sicher gelagert und transportiert werden.
UNICEF-Mitarbeitende schulen Gesundheitspersonal im Umgang mit der Kühlkette, damit Impfstoffe während des langen Transportes und der Lagerung sicher sind. So hilft UNICEF dabei, jährlich etwa 400 Millionen Kinder weltweit gegen Polio zu impfen.

Ukraine: Nataliya Metelska von der “Familienklinik” in Saporischschja verstaut Impfstoffe in einer von UNICEF bereitgestellten Kühltruhe. Darunter sind auch Impfstoffe gegen Polio.
© UNICEF/UNI539312/Klochko- Seit Gründung der Globalen Initiative zur Ausrottung von Polio im Jahr 1988 wurden mehr als 2,5 Milliarden Kinder geimpft.
- Die Zahl der an Polio erkrankten Menschen ist seitdem um 99,9 Prozent zurückgegangen.
- Zwei der drei Typen des wilden Polio-Virus wurden ausgerottet.
- 900.000 poliobedingte Todesfälle konnten auf diese Weise seit 1988 verhindert werden.
- Von der Infrastruktur, dem Personal und dem Know-how, das durch Polio-Impfungen geschaffen wurde, profitiert seitdem auch die Bekämpfung anderer Gesundheitsnotfälle wie die Coronaepidemie.
Stefanie Hack arbeitet als Redakteurin mit dem Fokus Nothilfe. Im Blog schreibt sie über die weltweite Arbeit von UNICEF und entwicklungspolitische Themen.