© Carla MagnanimoEine Mutter mit ihren vier Kindern die ihre Rucksäcke zeigen
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Der Krieg ist nicht vorbei, wenn die Flucht endet

Wir als Stiftung United Internet waren gemeinsam mit UNICEF im Sudan, um uns selbst ein Bild von der Lage zu machen und zu sehen, wie die Spenden vor Ort eingesetzt werden. Wir haben mit Müttern und Vätern gesprochen, Familien zu Hause besucht und versucht zu verstehen, was ein Krieg mit Kindern macht. Was wir erlebt haben, hat uns tief beeindruckt und berührt. In diesen Reisetagebucheinträgen möchten wir von unseren Begegnungen erzählen.

Als wir Buthena Imbrahem und ihre Familien besuchen, scheint die Sonne unerbittlich auf die Zelte im Camp für Vertriebene nahe der Stadt Port Sudan. Hier leben Buthena und ihr Mann mit ihren vier Kindern, hier haben sie nach ihrer Flucht Schutz gefunden.

Ihr Zuhause besteht aus zwei nackten Mauern, in die Löcher, die sich in der Mauer gebildet haben, sind Plastiktüten gestopft. Die anderen zwei Wände und die Decke sind aus Pappe, Stoffen und Plastikplanen behelfsmäßig aufgebaut. Gegen die Sonne helfen sie nur bedingt, Licht und Hitze dringen durch die durchlässigen Wände, auch der Wind, der manchmal aufkommt, hat hier freie Bahn. Auf dem Boden liegt eine Matte, wie wir sie so oft im Sudan gesehen haben, um den Schmutz fernzuhalten und ein Gefühl von Wohnlichkeit zu schaffen. Die Schuhe ziehen wir vor dem Zelt aus, denn hier lebt und schläft die Familie.

Zelt in Port Sudan

Das Zuhause von Buthena und ihrer Familie. Schutz vor Hitze, Regen und Wind gibt es hier kaum.

© Carla Magnanimo

Buthenas Kinder sind zehn, sieben und fünf Jahre alt. Die zehnjährigen Zwillinge Semi und Suha, die siebenjährige Saba und der kleine Abdulmejid zeigen uns ihre Schulrucksäcke. Sie gehen zu einem von Unicef unterstützen kinderfreundlichen Ort, wo spielen und malen können, aber auch unterrichtet werden. Suha holt einen ganzen Stapel Bücher hervor, der fünfjährige Abdulmejid zeigt uns stolz beschriebene Seiten in seinem Heft. In Semis Rucksack jedoch liegen nur wenige Bücher. Anders als seine Geschwister kann Semi derzeit nicht am Unterricht teilnehmen. Seine Mutter erzählt uns warum.

Buthena berichtet: Was von der Flucht bleibt

Die Familie floh vor etwa einem Jahr aus Al-Fashir, einer Stadt im Westen des Sudan. Al-Fashir wurde Ende Oktober 2025 international bekannt, als die RSF-Miliz sie nach 18 Monate langer Belagerung einnahm und Berichte über Gräueltaten und schwere Gewalt gegen die Zivilbevölkerung folgten.

15 Tage waren sie unterwegs – zu Fuß, mit dem Auto, auf einem Esel. Kurz hinter der Stadt trafen sie und andere Flüchtende auf RSF-Soldaten, wie Buthena sagt, die das Feuer eröffneten. Sie wurde durch einen Schuss am Fuß verletzt, ihr Mann am Arm. Die Kinder mussten alles mit ansehen. Buthenas streckt ihre Füße während des Gesprächs vor sich aus, noch immer sieht man eine wulstige Narbe am Gelenk. Ihre Arme stützt sie auf einen Gehstock.

Buthena erzählt uns, dass Semi seitdem häufig weint, so viel, dass er kaum einen normalen Alltag haben kann, wie andere Kinder. In die Zeltschule, in die seine Geschwister gehen, schafft er es nicht. Er möchte zurück nach Hause. „Er sagt oft zu mir, dass wir früher ein besseres Leben hatten, denn vorher hatten wir alles. Jetzt haben wir nichts“, erzählt sie. Auch jetzt laufen Semi erneut Tränen über das Gesicht.

Das Trauma der Kinder im Sudan ist erschütternd

Mehr als fünf Millionen Kinder wurden laut UNICEF seit Beginn des Krieges im Sudan aus ihrem Zuhause vertrieben. Viele mussten mehrfach fliehen, alles zurücklassen, was sie kannten und besaßen. Die Ankunft an einem sichereren Ort beendet für sie nicht automatisch das, was sie auf der Flucht erlebt haben.

Viele haben Gewalt mit angesehen, so wie Semi und seine Geschwister. Besonders Mädchen und Frauen sind von sexualisierter Gewalt bedroht, doch auch Jungen sind hohen Risiken auf der Flucht ausgesetzt: Immer wieder gibt es Berichte von Zwangsrekrutierungen. Der Einsatz von Kindersoldaten verstößt gegen das Völker- und internationale Strafrecht. Zudem ist eine Flucht ständig von Mangel geprägt: zu wenig Essen, kaum sauberes Trinkwasser oder ausreichender Schutz, vor dem was auf den Straßen passiert.

All dies lässt sich nicht so leicht vergessen, auch wenn sie nun an einem geschützteren Ort sind, wie man bei Semi sehen kann. Die traumatischen Erlebnisse lähmen ihn, rauben ihm seine Kindheit und seine Zukunft. Kinder, die aufgrund des Krieges nicht mehr zur Schule gehen können, können später Schwierigkeiten haben, besser bezahlte Arbeit zu finden. Das Risiko in Armut zu geraten steigt dadurch immens. Gleichzeitig sind Schulen Orte der Sicherheit, des Alltags und des Rückzugs - alles Dinge, die Kinder im Krieg dringend brauchen.

Tessa Page mit Familie auf einem Bett
© Carla Magnanimo

Viele im Sudan haben nicht genügend Essen

Auch für Buthena selbst hatte die Flucht schwere Folgen. Im Camp wurde sie erneut schwanger und verlor ihr Baby. Sie berichtet von gesundheitlichen Problemen während der Schwangerschaft, unter anderem hohen Blutdruck. Zudem entzündete sich ihre Schusswunde.

Die Sorge um Essen bestimmt nun den Alltag der Familie. Buthena erzählt, die letzte Lebensmittellieferung sei im Juni dieses Jahres bei ihnen angekommen. Gemeinschaftsküchen hätten versucht, die Lücke zu füllen, könnten aber nicht regelmäßig Mahlzeiten anbieten. Inzwischen mussten viele von ihnen ihre Arbeit einstellen, da internationale finanzielle Hilfe ausbleibt. Für Buthena ist das eine Katastrophe.

Die Familie bekam einen Sack mit 25 Kilogramm Mehl, den sie sich mit der Nachbarsfamilie teilen muss. Das Mehl sei abgelaufen und von Ungeziefer befallen. Doch Wegschmeißen ist für die, die hier leben keine Option. Also stellen sie das Mehl in Schüsseln in die Sonne, um die Tiere herauszutreiben. Danach verwenden sie es trotz allem, denn etwas anderes haben sie nicht.

Der Bedarf im Land ist enorm

Buthenas Familie ist mit dieser Not nicht allein. UNICEF schätzte für 2026, dass 17,3 Millionen Kinder im Sudan humanitäre Hilfe benötigen und rund 4,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren von akuter Mangelernährung betroffen sein könnten. Die konstante Gewalt und Vertreibung haben den Zugang zu Nahrung und Gesundheitsversorgung vielerorts massiv erschwert. UNICEF untersucht und behandelt mangelernährte Kinder und unterstützt Familien unter anderem mit Trinkwasser und medizinischer Versorgung.

Der Besuch bei Buthena, Semi und der restlichen Familie hat uns auf emotionale und erschütternde Weise vermittelt, wie sehr der Krieg das Leben der Menschen auf so viele unterschiedlichen Wegen beeinträchtigt. Er zieht sich durch ihren gesamten Alltag, erschwert jeden Teil ihres Lebens.

Menschen wie Buthena brauchen jetzt Unterstützung, in Form von Lebensmitteln, sauberem Wasser und einem Zuhause, was ihnen Schutz bietet. Semi braucht auch in der Zukunft Unterstützung, um das, was ihm widerfahren ist und ihn quält zu bewältigen. Doch all das, in einem Land, in dem weiterhin ein unerbittlicher Krieg herrscht und die größte humanitäre Krise der Welt, ist eine große Herausforderung.

UNICEF bietet in kinderfreundlichen Orten auch psychosoziale Unterstützung und versucht die Kinder so gut es geht zu unterstützen. Außerdem liefert UNICEF humanitäre Hilfsmittel, unter anderem therapeutische Zusatznahrung, Medikamente und Schulmaterialien. Unsere Stiftung unterstützt die UNICEF-Hilfe im Sudan mit aller Kraft.

Autor: Carla Giuseppina Magnanimo

Online Editor
Stiftung United Internet for UNICEF