
Ein Ort zum Kind sein – in einer Stadt voller Gefahren
Sudan •
von Autorin Carla Giuseppina Magnanimo
Wir als Stiftung United Internet waren gemeinsam mit UNICEF im Sudan, um uns selbst ein Bild von der Lage zu machen und zu sehen, wie die Spenden vor Ort eingesetzt werden. Wir haben mit Müttern und Vätern gesprochen, Familien zu Hause besucht und versucht zu verstehen, was ein Krieg mit Kindern macht. Was wir erlebt haben, hat uns tief beeindruckt und berührt. In diesen Reisetagebucheinträgen möchten wir von unseren Begegnungen erzählen.
Einige Kinder tragen ihre grünen Schuluniformen schon jetzt, obwohl der Unterricht erst in einigen Wochen beginnen soll. Sie laufen aufgeregt aus dem Flur, als wir bei unserem Besuch in dem kinderfreundlichen Ort ankommen. Einige verstecken sich hinter ihren Freunden, andere grinsen uns mutig an – wie Kinder ebenso sind.
Früher war das Gebäude in Khartum eine ganz normale Schule. Ab April 2023, mit Beginn des Krieges, war daran jedoch kaum noch zu denken. Menschen aus Khartum, die in Nachbarschaften lebten, wo regelmäßig Kämpfe stattfanden, suchten hier Zuflucht. Inzwischen ist das Gebäude wieder für Kinder da: als kinderfreundlicher Ort und seit diesem Herbst auch wieder als Schule.
Die Kinder, die hier herkommen, brauchen dringend Normalität. Denn das ist das Erste, was der Krieg ihnen raubt. Selbst wenn sie nicht fliehen mussten, so hat der Krieg sich doch über jeden Aspekt ihres Alltags gelegt, wie ein tödlicher, erdrückender Schleier. Auch wenn die Kinder nicht selbst verletzt wurden oder niemanden verloren haben, so erleben sie doch wie ihre Eltern täglich unter Druck stehen, weil niemand weiß, wie es weitergeht, Schulen schließen mussten oder ihre Stadt auf einmal so unsicher wurde, dass es gefährlich war herauszugehen.
Was ein kinderfreundlicher Ort leisten kann
Die Kinder im Sudan brauchen einen neuen Alltag. In den kinderfreundlichen Orten versucht UNICEF ihnen genau das zu geben. Dort können sie Zeit mit Gleichaltrigen verbringen, spielen, malen, singen und lernen. Oft sind auch Schulen mit an die Aktivitäten angeschlossen, sodass Kinder möglichst weiter lernen können. Auch wenn die Kinder über Erlebtes aus dem Krieg sprechen möchten, finden sie bei den Mitarbeitenden Unterstützung.

Die gemalten Bilder der Kinder geben oft Hinweise darauf, wie es ihnen geht und was sie erlebt haben.
© Carla Magnanimo
Vor allem das Malen ist wichtig, sowohl für die Kinder als auch die Mitarbeitenden. Denn so, erklärt uns einer von ihnen in einem anderen kinderfreundlichen Ort in Port Sudan, könne man gut feststellen, welche Kinder womöglich schwerer traumatisiert seien als andere. Viele malen Häuser, Flüsse oder Blumen. Doch diejenigen, die Blut, Verletzung, Tod oder Schüssen malen, mussten womöglich Schreckliches mit ansehen. Diesen Kindern, so der Mitarbeiter, könne man dann gezielt Hilfe anbieten.
Ein kinderfreundlicher Ort ersetzt weder eine Schule noch eine Behandlung schwerer psychischer Belastungen. Aber er immerhin bietet er Kindern eine Form von Verlässlichkeit und dem Gefühl, dass sie nicht allein sind.
Auch für Eltern sind diese Orte wichtig. Viele stehen unter großem Druck: Sie müssen Essen beschaffen, Arbeit finden, sich um das Zuhause oder um weitere Kinder kümmern – und zugleich versuchen, ihren Kindern Halt zu geben. Zu wissen, dass diese für eine Zeit betreut werden, entlastet sie zumindest für eine Weile. Gleichzeitig finden sie andere Eltern hier, die ähnliches durchmachen. Die gegenseitige Unterstützung und der Austausch ist für viele ebenso wichtig.
Doch sind kinderfreundliche Orte nicht einfach nur ein Spielplatz – er schützt die Kinder in einer Stadt, in der der Krieg zahlreiche, oft unsichtbare Gefahren hinterlassen hat.
Die Gefahr auf den Straßen Khartums
In Khartum sind die aktiven Kämpfe abgeklungen. Sicher ist es in der Stadt deshalb trotzdem nicht. Blindgänger und andere explosive Kriegsreste verbergen sich zwischen Trümmern und auf den Straßen. Viele Kinder halten solche Gegenstände für harmlos, heben sie auf oder spielen mit ihnen. UNICEF berichtet von schweren Verletzungen und Todesfällen durch diese Blindgänger. Auch Kinder, die mit angesehen haben, wie ihre Freunde auf diese Weise verletzt wurden, leiden später noch unter den Folgen und trauen sich unter anderem nicht mehr auf die Straße. UNICEF klärt Kinder deswegen über die Gefahren auf, zum Beispiel durch kindgerechte Videos und Bilder.
Sie sollen lernen, verdächtige Gegenstände zu erkennen und Abstand zu halten, statt sie zu berühren. Diese Form der Aufklärung kann die Gefahr nicht beseitigen. Aber sie vermittelt Kindern Wissen, das sie außerhalb dieses Raums schützen kann.

Aufklärung auf kindgerechte Art: In dem Animationsfilm wird Kindern gezeigt, was sie tun müssen, wenn sie Blindgänger finden und welche Gefahren lauern.
© UNICEF/UN0931574/ElfatihDas Sprechen über den Krieg fällt schwer
Die Kinder, denen wir begegnen, haben unterschiedliche Wege hinter sich. Einige sind während des Krieges in Khartum geblieben. Andere kehren mit ihren Familien zurück; wieder andere haben in der Stadt Schutz vor der Gewalt in Kordofan oder Dafur gesucht.
Ein zwölfjähriges Mädchen erzählt uns, dass ihre Familie zu Beginn des Krieges nach Ägypten floh und inzwischen nach Khartum zurückgekehrt ist. Zunächst spricht sie mit uns. Als das Gespräch auf den Krieg kommt, verstummt sie. Wir fragen nicht weiter nach dem, worüber sie nicht sprechen möchte.
Doch dann erzählt sie von ihrer Zukunft: Sie möchte Ärztin werden. Diesen Wunsch hören wir auf unserer Reise noch von anderen Kindern. Vielleicht ist es für die Kinder das Einzige, was ihnen wieder ein Gefühl von Kontrolle über das Leid gibt, dass sie miterleben mussten. Das Einzige, dass ihnen das Gefühl gibt, etwas tun zu können, um den Menschen um sie herum und sich selbst helfen zu können.
Gemeinsam mit UNICEF unterstützt unsere Stiftung kinderfreundliche Orte im Sudan – damit Kinder wieder Kinder sein können.
Online Editor
Stiftung United Internet for UNICEF