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UKRAINE-KRIEG: DIESE NARBEN SIEHT MAN NICHT
Donnerstag, 2. Juni 2022, 16:35 Uhr
von Laura Sandgathe | 0 Kommentare

Arthur ist fünf Jahre alt. Er erlebte die Gewalt in Mariupol und konnte mit seiner Mutter fliehen. Doch seitdem spricht er nicht mehr. Eine Geschichte darüber, wie der Krieg in der Ukraine Kinder traumatisieren kann.

Arthur aus Mariupol hat den Bombenangriff auf die Stadt erlebt und Hunger und Kälte im Versteck überstanden. Äußerlich erscheint er unversehrt. Doch die unsichtbaren Narben könnten für immer bleiben, wenn dem Fünfjährigen nicht geholfen werden kann.

Arthurs Geschichte steht stellvertretend für die Geschichten vieler Kinder, die unter den Folgen des Ukraine-Krieges leiden.

Im Versteck in Mariupol gab es für Arthur jeden Tag ein Glas Wasser und ein Stück von einem Keks. Als es seiner Mutter Miranda (23) nach mehreren Tagen endlich gelang, mit ihrem Sohn aus der umkämpften Stadt zu fliehen, war Arthur sehr erschöpft. Er hatte aufgehört zu sprechen, aufgehört zu lachen.

Meine UNICEF-Kolleg*innen in der Ukraine haben Arthur und seine Mutter nach ihrer Flucht in ihrer vorübergehenden Unterkunft in Dnipro getroffen. Die Stadt liegt gut 300 Kilometer von Mariupol entfernt.

Mariupol, die Hafenstadt im Südosten der Ukraine, ist mittlerweile weltweit bekannt. Etwa eine halbe Million Menschen haben dort gelebt. Jetzt liegt die Stadt in Trümmern. Tausende mussten fliehen, Hunderte wurden verletzt oder getötet. Und für zahlreiche Menschen wurde ihr Versteck zur Falle.

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© UNICEF

An einem der ersten Kriegstage musste Miranda ihren Sohn mit ihrem Körper vor einer Bombenexplosion schützen. "Ich hatte das Gefühl, weggepustet zu werden von der Wucht der Explosion. Mit all meiner Kraft habe ich mich an dem Geländer der Treppe festgehalten, unter der wir uns versteckten."

"Es gab keinen Strom, Wasser, Gas oder Wärme. Internet und Telefon waren unterbrochen", erinnert sie sich. "Es gab auch kein Brot, keine Medikamente."

Dann wurden die Nachbarhäuser beschädigt, einige gerieten in Brand. Miranda und ihre Mutter beschlossen, mit Arthur im Stadtzentrum Schutz zu suchen. Zwei Wochen lang waren sie im Theater von Mariupol, wo sich mit ihnen Hunderte Zivilist*innen versteckten und das später bombardiert werden sollte.

"Arthur hat die ganze Zeit gefroren"

"Dort waren Schwangere oder Mütter mit Neugeborenen, alte Menschen und Haustiere", sagt Miranda. "Wir hatten alle große Angst. Die Heizung funktionierte nicht, und Arthur hat die ganze Zeit gefroren. Ich habe sitzend auf einer Matratze auf dem Boden geschlafen. Er lag in meinen Armen."

Zu diesem Zeitpunkt gab es in Mariupol kaum noch etwa zu essen. Die humanitären Konvois kamen wegen der Kämpfe nicht bis in die Stadt durch. Miranda ging zur Feldküche im Stadtzentrum. Frauen und Kinder bekamen dort ein Glas Wasser oder eine Suppe am Tag. Doch es reichte nicht. "Die Suppe bestand aus Wasser und manchmal ein paar Stücken Kartoffeln", sagt Miranda. "Für die Kinder gab es abends noch ein Stück Leber."

Nach zehn Tagen im Theater bekam Arthur Fieber. "Er weinte tagelang", sagt Miranda. "Dann wurde er schwach, weil er Hunger hatte. Ich sagte ihm: 'Bald gehen wir in eine bessere Welt, dort werden wir etwas zu essen haben und ein Bett, du darfst in die Badewanne gehen und deine Lieblingscartoons schauen.'"

Miranda fürchtete, dass ihr die Zeit davonläuft. Sie entschied, nicht länger auf einen humanitären Korridor zu warten. Die Familie fand jemanden, der sie im Auto mitnahm. Nachdem sie mehrere Kampfzonen und Checkpoints passiert hatten, erreichten sie zuerst die Stadt Nikopol.

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Arthur spielt mit seiner Mutter Miranda und seinen Großmüttern in Dnipro, wo sie vorübergehend untergekommen sind.
© UNICEF/UN0625578/Bundzilo

Dort wurde Arthur medizinisch versorgt und begann, sich zu erholen. Er aß wieder und bald ging es ihm besser. Doch der Stress und die Erschöpfung der furchtbaren Erlebnisse hinterließen Narben.

"Vor dem Krieg hat Arthur gespielt, ist herumgesprungen, hat viel gelacht. Aber jetzt hat er so viel gesehen, dass er sogar aufgehört hat zu sprechen und zu lachen", sagt Miranda. "Seine Augen lagen so tief in den Höhlen, ich dachte, er würde nicht überleben. Jetzt geht es ihm besser, aber manchmal erinnert er sich an etwas, kommt zu mir, schlingt die Arme um mich und weint. Dann weine ich mit ihm."

So hilft UNICEF

In der Ukraine leben 7,5 Millionen Kinder. 2,8 Millionen von ihnen sind wie Arthur innerhalb des Landes auf der Flucht (Stand 17. Mai 2022). Viele von ihnen haben Schreckliches erlebt. Dinge, die ein Kind niemals erleben sollte. Und auch denjenigen, die in die Nachbarländer geflohen oder in ihren Heimatorten geblieben sind, droht die Gefahr, durch den Krieg traumatisiert zu werden. Oder sie sind es bereits.

Seit dem 24. Februar haben wir von UNICEF gemeinsam mit unseren Partnern über 490.000 Kinder und Erziehungsberechtigte in der Ukraine mental und psychosozial betreut. Das soll ihnen helfen, die erschreckenden Erlebnisse des Krieges zu verarbeiten und ein Stück zur Normalität zurückzufinden.

Die Hilfe reicht von der Betreuung in U-Bahnstationen und anderen Schutzräumen über Hilfe bei geschlechtsspezifischer Gewalt bis zu Unterstützung bei der Vermittlung von Therapieplätzen. Kinder wie Arthur brauchen langfristige, verlässliche Hilfe und Therapie.

Wenn Sie diese Hilfe unterstützen möchten, können Sie dies am besten als UNICEF Nothilfe-Patin / Nothilfe-Pate Ukraine tun. Vielen Dank an alle, die bereits helfen oder sich in Zukunft dazu entschließen. Ihr Beitrag macht einen Unterschied.

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