IM JEMEN DROHT EINE HUNGERSNOT: WAS BEDEUTET DAS?
Donnerstag, 18. März 2021, 13:54 Uhr
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"Die Chance, eine Hungersnot im Jemen noch zu verhindern, schwindet mit jedem Tag." So warnten UNICEF, das Welternährungsprogramm und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen im Dezember 2020 gemeinsam. 

Es ist nicht das erste Mal, dass wir im Zusammenhang mit dem Bürgerkriegsland diese dringliche Warnung hören. Die Situation im Jemen ist katastrophal, schon mehrfach stand das Land am Abgrund. Doch aktuell ist die Lage der Familien so verheerend wie nie.

Jemen: Die schlimmste humanitäre Krise der Welt

Jemen: Ein mangelernährtes Kind sitzt auf einem Krankenbett

Malik Farid Mohammed ist neun Monate alt und akut mangelernährt. Im Al Sabeen Krankenhaus wartet er auf einen Arzt.
© UNICEF/UN0372082/Alzekri

Der Jemen wird eine "Hölle auf Erden" genannt. 2015 eskalierte der Bürgerkrieg. Seitdem wird die Situation für die Menschen immer bedrohlicher. Nicht nur die Gefechte selbst, sondern auch die unmenschlichen Lebensbedingungen bringen sie in Gefahr. Lebensmittel sind extrem teuer. Gleichzeitig haben viele Familien kein Einkommen, die Wirtschaft liegt am Boden. So können sich viele keine regelmäßigen Mahlzeiten leisten.

Die Folge: Die Menschen hungern. Mehr als 24 Millionen Menschen im Land sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das sind 80 Prozent der Bevölkerung. Die Situation zwingt Eltern jeden Tag, furchtbare Entscheidungen zu treffen: Fliehen oder bleiben wir? Kaufen wir für unsere Kinder heute etwas zu essen oder Trinkwasser? Können wir uns eine medizinische Behandlung für unser krankes Kind leisten?

Aktuellen Zahlen zufolge sind im Jemen 400.000 Kinder lebensbedrohlich mangelernährt. Das bedeutet, dass sie sofort Hilfe brauchen – denn sie kämpfen jeden Tag um ihr Leben. UNICEF-Experten schätzen, dass 2,3 Millionen Kinder unter fünf Jahren im Verlauf des Jahres 2021 an akuter Mangelernährung leiden werden. Für jedes dieser Kinder gilt: Werden sie nicht behandelt, geraten auch sie schnell in Lebensgefahr.

Warum wurde im Jemen bislang keine Hungersnot ausgerufen?

Im Alltag sprechen wir von einer "Hungersnot", wenn in einer Region viele Menschen nichts oder nicht genug zu essen haben. Tatsächlich aber gibt es bestimmte Kriterien, nach denen eine Hungersnot ausgerufen wird. Das machen offiziell die Vereinten Nationen oder die Regierung des jeweiligen Landes. 

Grundlage für die Entscheidung, ob eine Hungersnot vorliegt oder nicht, ist die Einschätzung einer internationalen Arbeitsgruppe nach den sogenannten "IPC-Phasen". IPC steht für "Integrated Food Security Phase Classification". Es handelt sich um eine Skala für Ernährungssicherheit. Sie kennt fünf Phasen und die fünfte ist die Hungersnot.

Bei Phase 5 erleben zahlreiche Familien akute Nahrungsmittelknappheit, weil sie kaum Geld für Lebensmittel und auch nicht für andere lebenswichtige Dinge wie Trinkwasser haben. Besonders ausschlaggebend für eine Hungersnot ist auch, dass mehr als 30 Prozent der Kinder unter fünf Jahren an akuter Mangelernährung leiden. 

Jemen: Ein Arzt untersucht einen mangelernährten Jungen

Im Krankenhaus in Sana'a untersucht ein Arzt den kleinen Mazen (18 Monate). Er ist schwer akut mangelernährt und hat als Folge einen Hautausschlag und eine Augenerkrankung entwickelt.
© UNICEF/UNI312488/Alghabri

Im Jemen wurde aktuell keine Hungersnot ausgerufen. In Kriegs- und Krisenländern sind die Daten für die IPC oft unvollständig. Deshalb ist es eine große Herausforderung, die Situation der Menschen auf Basis der vorliegenden Daten präzise zu beschreiben.

Das klingt sehr technisch und auch zynisch, wenn man auf die verheerende Lage der Menschen im Jemen schaut. Dennoch ist es wichtig, dass es klar definierte, einheitliche Kriterien für das Ausrufen einer Hungersnot gibt und dass diese beachtet werden. Ohne sie würde die Gefahr steigen, dass der Begriff "Hungersnot" politisch instrumentalisiert wird.

Gleichzeitig gehen Experten davon aus, dass in einigen Regionen im Jemen die Lebensumstände der Menschen bereits denen einer Hungersnot gleichen. Auch wenn offiziell keine Hungersnot ausgerufen wurde, sind Kinder jeden Tag in Lebensgefahr. 

Laut der aktuellen IPC vom Dezember 2020 könnte sich die Zahl der Menschen, die unter katastrophalem akuten Hunger leiden, zwischen Januar und Juni in diesem Jahr fast verdreifachen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Zahl der Menschen in Phase 4 – der Krisenphase am Rande zur Hungersnot – in der ersten Hälfte des Jahres 2021 von 3,6 Millionen auf fünf Millionen Menschen ansteigen könnte.

Die Geschichte von Nour: Erste zögerliche Schritte

© UNICEF/UNI366586/Abaidi

Die neun Monate alte Nour litt an Mangelernährung. Eine Behandlung mit Spezialnahrung half ihr über den Berg.
© UNICEF/UNI366586/Abaidi

Das neun Monate alte Mädchen Nour litt an Mangelernährung. Hier erzählt Mutter Souad die Geschichte ihrer Tochter:

"Als Nour geboren wurde, war sie schwach und dünn. Mit jedem Tag wurde sie kränker", erzählt Souad. "Wir konnten ihr nicht helfen, denn an vielen Tagen leiden wir selbst Hunger. Dann essen wir zu Mittag entweder Brot oder Joghurt. Abends bringt mein Mann manchmal etwas zu essen mit. Aber drei Mahlzeiten pro Tag gibt es bei uns fast nie."

Hunger im Jemen: Das Zuhause von Baby Nour: Ein winziger, baufälliger Raum

Nour lebt mit ihrer Familie in einem winzigen Raum von nur zwei Quadratmetern in einem Slum am Rande der jemenitischen Hauptstadt Sana'a. Die Möbel sind alt und kaputt, es gibt keine Elektrizität oder einen Wasseranschluss. 
© UNICEF/UNI366573/Abaidi

"Mein Mann ist arbeitslos, aber jeden Morgen geht er los und sucht Arbeit. Unterwegs sammelt er leere Plastikflaschen von der Straße. Die verkauft er, um uns etwas zu essen zu kaufen", sagt Souad. "Ich stille Nour, aber sie wird fast nie satt, denn ich habe nicht genug Milch. Das Stillen strengt mich sehr an, ich fühle mich erschöpft. Das wirkt sich auch negativ auf die Gesundheit meines Babys aus."

Hunger im Jemen: Baby Nour wird auf Mangelernährung untersucht

Eine Helferin misst Nours Armumfang. Mit dieser Methode erkennt die Expertin schnell, dass das kleine Mädchen mangelernährt ist.
© UNICEF/UNI366566/Abaidi

Als Nour ins Gesundheitszentrum kam, wog sie knapp fünf Kilo. Viel zu wenig für ein neun Monate altes Baby. Die Helfer gaben ihr Spezialnahrung und Mikronährstoffe, die von UNICEF geliefert wurden.

"Wir haben sie wöchentlich untersucht", sagt der Ernährungsspezialist im Gesundheitszentrum. Heute ist Nour außer Gefahr. Sie hat die Mangelernährung, die ihr beinahe das Leben genommen hätte, besiegt. 

Besonders schön: Nour hat nun auch angefangen zu laufen. Sie macht ihre ersten, zögerlichen Schritte und spielt viel. "Ich bin so froh, dass mein Baby gesund und stark ist", sagt ihre Mutter Souad. "Sie war immer so müde. Jetzt spielt sie. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl zu sehen, wie dein Kind endlich gesund wird."

Hunger im Jemen: Nours Mutter spielt mit ihrer Tochter

"Ich bin so froh, dass es Nour wieder gut geht", sagt Souad.
© UNICEF/UNI366587/Abaidi

Hungersnot im Jemen verhindern: Noch ist Zeit zu handeln

"Die Welt darf nicht tatenlos zusehen, wie der Jemen in eine Hungersnot abrutscht und Millionen besonders gefährdete Kinder und Familien hungern", sagt UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. "Wir haben schon einmal eine Hungersnot im Jemen verhindert und wir sollten in der Lage sein, sie erneut abzuwenden, mit verstärkter Unterstützung und ungehindertem Zugang zu jedem Kind und jeder Familie in Not."

United Internet for UNICEF unterstützt die Nothilfe für Mädchen und Jungen im Jemen.

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