„ES TUT WEH ZU SEHEN, WIE DIE KINDER LEIDEN“

13. März 2017 von Angela Griep 0 Kommentare

In Teilen des Südsudan herrscht eine schwere Hungersnot. Die UNICEF-Mitarbeiterin Angela Griep berichtet aus dem Krisengebiet.

Kam die Hungersnot im Südsudan überraschend?

Nein. Fast im ganzen Land leidet eines von sieben Kindern unter akuter Mangelernährung. Laut Weltgesundheitsorganisation muss dann dringend eingegriffen werden.

Zusammen mit unseren Partnern konnten wir bisher in den meisten Landesteilen eine Katastrophe verhindern. Doch zu dem Gebiet, in dem am 20. Februar eine Hungersnot offiziell ausgerufen wurde, hatten Hilfsorganisationen seit Juli letzten Jahres keinen Zugang, weil dort immer wieder gekämpft wurde. Die Not der Menschen dort wurde deshalb immer schlimmer.

Südsudan: Angela Griep in Thonyor

Unsere UNICEF-Kollegin Angela Griep in Thonyor, einem Ort in den Hungergebieten im Südsudan.
© UNICEF/Siegfried Modola

Was bedeutet es, dass jetzt für Teile des Landes eine Hungersnot ausgerufen wurde?

Im ehemaligen Unity State sind jetzt 100.000 Menschen unmittelbar vom Hungertod bedroht, darunter 20.000 Kinder. Für etwa eine Million Kinder ist das nur die Spitze des Eisbergs.

Landesweit sind durch Nahrungsmangel über 200.000 geschwächt. Insbesondere diese Kinder brauchen so schnell wie möglich Hilfe.

Wie leben die Kinder in den Hungergebieten?

Ich war gerade in Thonyor, einem Ort in den Hungergebieten. Was ich sah, konnte ich kaum glauben. Wo einst kleine Lehmhütten gestanden haben, waren Quadrate am Boden. Keine der Hütten existiert mehr, alles ist komplett abgebrannt, nicht mal Teile der Wände sind übrig.

Ich habe kein einziges Wohnhaus gesehen oder auch nur eine Ruine, nur diese Quadrate am Boden und einige Container die zum Beispiel von Hilfsorganisationen genutzt wurden.

Es gibt keine Schule, keine Gesundheitsstation, einfach gar nichts. Der Boden ist von der Hitze aufgerissen. Die wenigen Bäume spenden kaum Schatten. Eine Mondlandschaft. 

Wo ist die Lage besonders schwierig und wie wird sich diese entwickeln?

Das Gebiet, in dem jetzt die Hungersnot ausgerufen wurde, ist der ehemalige Bundesstaat Unity. Aufgrund bewaffneter Auseinandersetzungen mussten dort viele Gesundheitsstationen schließen. Inzwischen haben wir wieder Zugang zu einzelnen Orten. Aber humanitäre Helfer können dort nicht lange bleiben, weil die Situation zu unsicher ist. 

Eine weitere Krisensituation mit extrem vielen schwer mangelernährten Kindern besteht im ehemaligen Bundesstaat Northern Bahr el Ghazal. Und auch in der ehemaligen Kornkammer des Landes, Greater Equatoria, wissen viele Eltern nicht mehr, wie sie sich und ihre Kinder ernähren sollen.

Wegen der Gewalt konnten viele Menschen ihre Felder nicht mehr bestellen. Die Ernte ist im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent reduziert. Wir rechnen damit, dass die Lage bis zum Sommer immer schlimmer wird.

Kann UNICEF den Kindern überhaupt helfen?

An der Tatsache, dass wir eine Hungersnot in weiten Teilen des Landes bisher verhindern konnten, sieht man, dass man trotz der schwierigen Lage helfen kann. In Gegenden, in denen die Sicherheitslage gut ist, stärken wir die Grundversorgung der Familien.

Wir bauen oder renovieren Gesundheitsstationen und Schulen, sorgen für Zugang zu sauberem Wasser, bilden Lehrer und Krankenpfleger aus. Wir versuchen systematisch Voraussetzungen zu schaffen, dass Kinder gesund aufwachsen und lernen können.

In Gebiete, in denen der Zugang schwierig ist, gehen UNICEF und die Welternährungsorganisation mit sogenannten „Rapid Response Missionen“ rein.

Dazu werden Teams für eine bestimmte Zeit eingeflogen. Sie leben in Zelten in den kleinen Dörfern. Während die Welternährungsorganisation die Bewohner registriert um Lebensmittel zu verteilen, untersucht und behandelt UNICEF die mangelernährten Kinder, impft sie gegen Masern und Polio, verteilt Hygieneartikel und Tabletten zur Wasserreinigung.

Die Helfer registrieren unbegleitete Kinder und richten kinderfreundliche Orte ein, in denen Kinder psychosozial betreut werden und ein wenig entspannen können. Sie unterstützen auch die Lehrer, um den Schulunterricht sicherzustellen.

Was wird jetzt am dringendsten gebraucht?

Wir sind mit unseren Partnern in praktisch allen Regionen im Südsudan präsent. In den umkämpften Gebieten brauchen wir Sicherheit und freien Zugang. Und wir brauchen dringend ausreichend Geld, um die Hilfe auszweiten.

Bei der Ernährungskrise im Südsudan geht es nicht nur um Lebensmittel, sondern auch um gesundheitliche Versorgung, sauberes Wasser und das Wissen, wie man sich vor Krankheiten schützen kann.

Was bedeutet es für dich und deine Kollegen in einer solchen Krisensituation zu arbeiten?

Es tut weh zu sehen, wie die Kinder leiden und ihnen in manchen Fällen nicht helfen zu können, obwohl wir wüssten, wie. Zum Beispiel mussten wir im letzten Jahr unser Programm für unbegleitete Kinder herunterschrauben.

Über 14.000 Kinder wurden auf der Flucht von ihren Eltern getrennt. 4.000 konnten wir wieder mit ihrer Familie vereinen, aber 9.000 warten immer noch darauf, dass wir ihnen helfen. Anstatt den Prozess zu beschleunigen, mussten wir ihn verlangsamen, weil die Gelder nicht da waren. So etwas ist furchtbar.

Wie erlebst du die Kinder?

Viele Kinder hier sind sehr traumatisiert. Sie haben Dinge gesehen, die niemand je erleben sollte. Wenn sie ihre Geschichten erzählen und weinend um Hilfe bitten, bricht es einem das Herz. Man fragt sich, ob sie wohl je über das Erlebte hinwegkommen können. 

Aber viele Kinder hier sind auch einfach Kinder – wenn sie krank sind und Hilfe brauchen, sind sie traurig, wenn sie wieder gesund sind, sind sie fröhlich, lachen, spielen, sind neugierig und wollen lernen.

Man trifft nicht eines, dass nicht unbedingt zur Schule gehen und lernen will. Ihr Lebenshunger und Wissensdurst ist erstaunlich und birgt ein unglaubliches Potenzial. Wir müssen ihnen nur helfen, es zu entwickeln.

Was vermisst du am meisten?

Ich persönlich vermisse am meisten meine Bewegungsfreiheit. Aufgrund der hohen Armut ist die Kriminalitätsrate in Juba extrem hoch. Daher kann man hier nicht einfach mal spazieren gehen. Alles findet mittels Auto und hinter Mauern statt.

Ab 19 Uhr ist Ausgangssperre, das heißt, man ist in den UNICEF Compound eingesperrt mit denselben Kollegen, mit denen man schon den Tag im Büro verbracht hat. So nett meine Kollegen sind - das kann sehr anstrengend sein und automatisch dreht sich natürlich alles ununterbrochen um die Arbeit. Sich auch mal zu entspannen ist sehr schwierig.


Angela Griep, (46) arbeitet für UNICEF in Juba, der Hauptstadt des Südsudan. Gerade ist sie aus dem ehemaligen Unity State zurückgekehrt, in dem 100.000 Menschen vom Hungertod bedroht sind.

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