BÜRGERKRIEG IM JEMEN: INTERVIEW UNICEF-LEITERIN MERITXELL RELANO

29. Juni 2018 von Susanne Nandelstädt 0 Kommentare

Im Jemen tobt nach wie vor ein Bürgerkrieg. Es ist kein Land, in dem man momentan unbedingt arbeiten möchte. Um die Versorgung vor Ort sicherzustellen und den Menschen zu helfen arbeiten dennoch fast 300 Mitarbeiter von UNICEF im Jemen.

Dr. Meritxell Relano ist eine dieser Personen. Sie ist die Leiterin von UNICEF im Jemen und damit ganz nah dran an der Tragödie, die sich aktuell dort abspielt.

Porträt Meritxell Relano, Leiterin UNICEF Jemen

Meritxell Relano, Leiterin von UNICEF Jemen
© UNICEF/Jemen

Meritxell, Du bist Leiterin von UNICEF Jemen. Wo genau arbeitest Du? 

Unser Hauptbüro befindet sich in der Hauptstadt von Jemen, Sanaa. Sanaa ist eine wunderschöne Stadt. UNICEF hat im Jemen außerdem noch weitere Außen-Büros, die über das Land verteilt sind.

Und wie groß ist Dein Team bei UNICEF Jemen?

Wir haben fast 300 Mitarbeiter, die bei UNICEF Jemen an der Umsetzung unserer Programme arbeiten.

Berichte doch einmal kurz, wie die aktuelle Lage im Jemen ist. Wie ist der Krieg für die Kinder spürbar?

Die Lage der Kinder bleibt extrem düster. Die Kinder zahlen einen hohen Preis für den Konflikt im Jemen. Sie werden immer wieder Gräueltaten ausgesetzt, die sie niemals erleben sollten.

Hunderte von Kindern werden in diesem Konflikt getötet und verletzt. Immer mehr Kinder werden durch bewaffnete Gruppen rekrutiert. Sie werden von den Rebellen benutzt, um Checkpoints zu besetzen oder Waffen zu tragen.

Ungefähr zehn Millionen Kinder im Jemen brauchen humanitäre Hilfe. Mehr als zwei Millionen von ihnen leiden an Unterernährung. Noch dazu sterben viele Kinder im Jemen an vermeidbaren Krankheiten.

Jemen: Die Altstadt von Sanaa vor dem Krieg.

So wunderschön und lebendig sah es vor dem Krieg aus: Die historische Altstadt von Sanaa in einer Aufnahme von 2007.
© UNICEF/UNI48567/Pirozzi

Was brauchen die Kinder im Jemen aktuell am meisten?

Die Mädchen und Jungen brauchen am dringendsten Medikamente und Essen.

Und über welchen Weg erreichen die Hilfslieferungen das Land? 

Auf dem Seeweg: Die Güter kommen in den Häfen von Hudaida und Aden im Jemen an.

Wie sieht es in den Straßen im Jemen aus?

Wenn Sie auf der Straße unterwegs sind, sehen Sie überall zerstörte Gebäude – darunter viele Wohnhäuser und auch Schulen. Immer wieder sieht man Mädchen und Jungen, die etwas verkaufen, um ein bisschen Geld zu verdienen und damit ihren Familien zu helfen.

Es gibt nur wenige Spielplätze für Kinder. Man begegnet auch Kindern, die als Soldaten eingesetzt werden, die zum Beispiel Kontrollpunkte bewachen müssen.

Jemen: Ein Junge spielt vor einem zerstörtem Gebäude

© UNICEF/UN073958/Clarke for UNOCHA

Wie ist der Alltag der Kinder? Welchen Gefahren sind die Mädchen und Jungen ausgesetzt?

Kinder leben im Jemen unter extrem schwierigen Umständen. Für manche Kinder fängt der Tag damit an, dass sie durch das Geräusch von Bomben oder Schüssen geweckt werden. Dann essen sie das wenige, was sie haben, und müssen danach lange anstehen, um Wasser zu holen. Für einen Jungen ist die Gefahr besonders groß, dass er von bewaffneten Gruppen als Kindersoldat rekrutiert wird. Ein Mädchen wird mit großer Wahrscheinlichkeit jung verheiratet.

Können die Kinder im Jemen momentan noch zur Schule gehen?

Als Folge des Krieges sind fast 2.500 Schulen nicht mehr nutzbar. Die Schulen sind beschädigt oder komplett zerstört, werden von bewaffneten Gruppen zu militärischen Zwecken oder von Flüchtlingen als Unterkunft genutzt. Mehr als zwei Millionen Kinder im schulpflichtigen Alter gehen momentan nicht zur Schule. Viele von ihnen müssen arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen.

Und wie ist die Bildungssituation speziell für die Mädchen?

Mädchen sind die ersten, die die Schule abbrechen. Kinderheirat nimmt im Jemen immer stärker zu und stellt für die Mädchen eine echte Bedrohung dar. Heutzutage werden mehr als zwei Drittel der Mädchen schon vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet – verglichen mit 50 Prozent vor der aktuellen Krise.

Mädchen im Jemen brechen besonders häufig die Schule ab.

© UNICEF/UN0188786/Fuad

Haben die Menschen im Jemen genug zu essen und trinken?

Durch den schon drei Jahre andauernden Konflikt sind die Ersparnisse der Menschen aufgebraucht. Über 80 Prozent der Familien sind verschuldet oder darauf angewiesen, sich Geld zu leihen. Die Menschen essen dadurch weniger, müssen billigere Lebensmittel kaufen oder ganze Mahlzeiten ausfallen lassen. Fast 16 Millionen Jemenitern fehlt der Zugang zu sauberem Trinkwasser – die Hälfte davon sind Kinder.

Wie hilft UNICEF den Kindern im Jemen?

Wir helfen kranken und schwer mangelernährten Kindern mit therapeutischer Nahrung und medizinischer Grundversorgung. Außerdem helfen wir ihren Familien, etwas Geld zu bekommen, um ihre Grundbedürfnisse zu decken.

Wir führen Impfungen für alle Kinder im Land durch. Und wir bieten Bildungsprogramme für die Kinder an, besonders für die schwächsten unter ihnen. UNICEF unterstützt die Wasserbehörden dabei, sauberes Trinkwasser für die Bevölkerung zur Verfügung zu stellen.

Wir nutzen alle Möglichkeiten, um Kinder in den entlegenen Gebieten mit lebensrettender Hilfe zu erreichen. Dafür benutzen wir Autos, Fahrräder und manchmal sogar Esel, um Impfstoffe, Medikamente und Nahrung zu liefern.

Im Jemen gab es letztes Jahr extrem viele Cholera-Fälle. Wie hilft UNICEF den Kindern gegen diese gefährliche Durchfallerkrankung?

Der Jemen hatte letztes Jahr mit über einer Million Cholera-Verdachtsfällen einen der schlimmsten Cholera-Ausbrüche der Welt. Kinder machten etwas mehr als 25 Prozent dieser Fälle aus.

UNICEF bietet vorbeugende Maßnahmen gegen Cholera an – beispielsweise durch verstärkte Hygiene-Regeln – und versorgt die Erkrankten mit Medikamenten. UNICEF finanziert auch Gesundheitseinrichtungen und kämpft auf diese Art dagegen, dass Cholera sich weiter verbreitet.

Was sind typische Aufgaben bei Deiner täglichen Arbeit?

Mein Job ist es, die Umsetzung der UNICEF-Programme zu beaufsichtigen und zu begleiten. Ich stelle sicher, dass unsere Außen-Büros im ganzen Land gut funktionieren, meine Mitarbeiter sicher arbeiten können und unsere Hilfslieferungen verlässlich transportiert werden können.

Jemen Cholera-Ausbruch: Lastwagen mit UNICEF-Hilfsgütern

© UNICEF/UN070183/Ghassan

Noch dazu treffe ich mich mit internen Kollegen und mit externen Partnern, um zu überlegen, wie wir das Leben der Kinder im Jemen verbessern können. Außerdem rede ich auch immer wieder mit der Regierung im Jemen und auch mit Spendern und mit Journalisten, damit die Stimmen der Kinder im Jemen von möglichst vielen gehört werden.

Welche Begegnung mit einem Kind im Jemen ist Dir besonders in Erinnerung geblieben?

Ich erinnere mich besonders an einen Jungen, den siebenjährigen Ali – genauso alt wie mein Sohn. Er lag in Aden im Krankenhaus, weil er an Cholera erkrankt und stark unterernährt war. Sein Körper bestand nur noch aus Haut und Knochen.

Beinahe in Tränen habe ich die Mutter gefragt, was passiert war, dass er unter solch schrecklichen Bedingungen ins Krankenhaus gekommen war. Die Mutter sagte mir, sie hätten nichts zu essen gehabt und es hätte lange gedauert, genug Geld bei Nachbarn zu sammeln, um den Bus zum Krankenhaus zu bezahlen. Ich war entsetzt und traurig. Ich werde Ali nie vergessen.

Vielen herzlichen Dank für das Interview, Meritxell!

Dieses Mädchen hat auf der Flucht vor der Gewalt ihre Heimat verlassen.

© UNICEF/UN0188083/Mohammed

JEMEN AKTUELL

Kämpfe in Hudaida bedrohen Versorgung Tausender Kinder  

Seit mehr als drei Jahren herrscht im Jemen ein grausamer Bürgerkrieg, unter dem die Kinder extrem leiden. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat den Jemen-Konflikt als „die schlimmste humanitäre Krise der Welt“ bezeichnet.

Mehrere Tausend Kinder wurden seit Beginn des Krieges verletzt und getötet. Millionen Kinder im Land sind unterernährt. Am dringendsten werden momentan Medikamente und Essen im Jemen benötigt, wie uns Meritxell im Interview oben sagte.

UNICEF-Hilfslieferungen erreichen über Hudaida die Kinder im Jemen.

© UNICEF/UN0216980/Ayyashi

Jetzt hat sich die Lage für die Menschen im Jemen erneut verschärft – und zwar dadurch, dass der Krieg auch die Hafenstadt Hudaida erreicht hat. In dieser Stadt und ihrem direkten Umkreis leben mindestens 300.000 Kinder. Hudaida ist der mit Abstand größte Hafen Jemens. Der Großteil der überlebenswichtigen UNICEF-Hilfsgüter – zum Beispiel Medikamente, Nahrungsmittel und Hygiene-Sets – gelangt über Hudaida in den Jemen. Durch die aktuellen Kämpfe wird die Versorgung der Kinder und Familien im Jemen sehr erschwert.  

Möchten Sie die Mädchen und Jungen im Jemen mit Ihrer Spende unterstützen? Die Stiftung United Internet for UNICEF fördert die Nothilfe für die Kinder im Jemen. Jeder Beitrag ist mehr als willkommen!

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